Stefan Bertalan : De Natura Rerum
27. April – 23. Juni 2012
„Die wohl prägnanteste Charakteristik der rumänischen Welt der 80er Jahre ist der Zustand der Armut, des Leerlaufs, des generalisierten Niedergangs der gesellschaftlichen Beteiligung und des unaufhaltsamen materiellen und kulturellen Ruins. Ähnlich den Menschen sehen auch die Gebäude, die Straßen, die Plattenbauten, sogar die neuen Eisenhütten- und Petrochemiewerke desolat aus.
In der Wissenschaft und Kultur machen sich Dilettantismus und propagandistisch angefeuerte Pseudo-Kompetenz breit, die schrittweise echtes Können ersetzen.
Gerade durch seine konsequent konstruktivistische Vergangenheit vermag es Stefan Bertalan, das von der Ernüchterung vor der dystopischen Wirklichkeit der Gesellschaft und der Zivilisation in den letzten Jahren des Kommunismus ausgelöste Trauma am ausgeglichensten zu illustrieren. Der Fall aus der abstrakten Vollkommenheit, aus dem Rationalismus und seinem Hang zum Geistigen und die reaktive Annäherung an eine faszinierend dystopische Wirklichkeit stellen eine Regung des kritischen Bewusstseins des Künstlers dar, der aus der Schutzhülle der abstrakten, vom Regime (und die Zugehörigkeit zum Regime meint auch die evasionistische oder kollaborationistische Mentalität des damaligen Kunstbetriebs) tolerierten Phantasien ausbricht, um in die terra incognita der Aberration einzutauchen.“ (S. 18)
„Bertalan flüchtet sich in die Pflanzenwelt, um dem autoritären Druck einer gewalttätigen Macht, die seine Existenz immer und immer wieder bedroht, zu entfliehen. Er verwünscht diese Macht und hält ihr den Garten Eden der Pflanzenwelt entgegen, wo Zuflucht, Protest, Entzücken, Verständnis und Glück Hand in Hand gehen.“ (S. 20)
Stefan Bertalan (*1930) besuchte bis 1962 das Institute of Fine Arts „I. Andreescu“ in Cluj, Rumänien. Bertalan war Mitbegründer der Gruppe 111, der ersten Gemeinschaft für experimentelle Kunst in Rumänien.
De Natura Rerum wurde organisiert von Erwin Kessler und Victor Man.
Zitiert aus: Erwin Kessler (Hg.): Der Selbstbestrafer (...). Die Kunst und Rumänien in den 80er – 90er Jahren. Rumänisches Kulturinstitut, 2010.
Die Johnen Galerie zeigt zum Gallery Weekend die Ausstellung In Praise of Shadows mit neuen Arbeiten des Turner-Preisträgers 2011 Martin Boyce. Seine Arbeiten gleichen melancholischen, visuellen Gedichten, deren Vokabular die Architektur und das Design der Moderne bilden.
Boyces Arbeiten bestehen aus einer komplexen, visuellen Sprache dieser historischen Designmomente und -objekte, die er in Bezug zur Gegenwart setzt. Die Moderne ist zu einem Schauplatz höchst ambivalenter Erfahrungen geworden, so dass Boyces Arbeiten immer auch die Frage berühren, inwieweit ihre Hoffnungen und Träume über die Jahre an die Realität angepasst werden mussten. Seit mehreren Jahren bilden die stark abstrahierten Betonbäume, von den Brüdern Joel und Jan Martel 1925 für einen Garten in Paris geschaffen, den Ausgangspunkt für Martin Boyce. Sie können als ein Symbol für die Unterwerfung der Natur unter das Design gesehen werden. Die geometrischen Strukturen, die den Bäumen zugrunde liegen, nutzt Boyce als Ausgangsform für so unterschiedliche Objekte wie Buchstaben, Lampen, Paravents, Masken, Blätter, Gitter oder Möbel. Er lässt Skulpturen, Installationen und Räume entstehen, wo Natur und Architektur kollabieren und eine melancholische Stimmung von Zerfall und Verlassenheit evozieren. In den Wandbildern und auf den Oberflächen der verschiedenen Objekte arrangieren sich Fragmente der geometrischen Strukturen der Bäume, welche wiederum Lettern bilden, die sich über die Oberfläche komponiert als poetische Textzeilen ablesen lassen. Dieser Poesie ist es auch zu verdanken, dass Boyces Kunst nicht in kalter Exaktheit verharrt, sondern den Betrachter in die unzähligen Variationen und Assoziationen involviert und zutiefst berührt.
Martin Boyce (*1967) lebt und arbeitet in Glasgow, wo er bis 1990 die Glasgow School of Art besuchte. Einzelausstellungen seiner Werke u. a. in der Fruitmarket Gallery Edinburgh (1999), MMK Frankfurt (2002), Tramway Glasgow (2002), Adolf-Luther-Preis, Krefeld (2004), Centre d’Art Contemporain Genf (2007), schottischer Pavillon der Biennale di Venezia (2009) und Turner Prize exhibition, Baltic Centre for Contemporary Art, Gateshead (2011).





































