Wilhelm Sasnal

06. November – 19. Dezember 2015

The Sun, 2015, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm (ungerahmt)
The Sun, 2015, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm (ungerahmt)
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Johnen Galerie freut sich, die fünfte Einzelausstellung von Wilhelm Sasnal mit der Galerie zu präsentieren. Die Ausstellung beinhaltet einen neuen Film, mehrere neue Gemälde und eine großformatige Zeichnung.
Der Schwarz-Weiß-Film Developing Tank nimmt den Besuch eines alten Familienhauses als Ausgangspunkt. Der Film untersucht dabei die Erinnerung auf visuell intuitive und assoziative Weise. In seiner Begegnung mit dem heute verlassenen Ort findet er eine nicht entwickelte Filmrolle, auf welcher er fünfundzwanzig Jahre alte Aufnahmen von seinem Vater vermutet. Der Film lässt in der Folge Erinnerungen daran, wie der Erzähler Filmmaterial zu benutzen und entwickeln lernte mit dem imaginierten Inhalt der mysteriösen verlassenen Filmrolle verschmelzen.
Größtenteils im verdunkelten Keller des Hauses, der auch als Dunkelkammer diente, gedreht, kommen im Film auch ein Junge vor, der zum jugendlichen Double des Erzählers wird und ein älterer Mann, welcher wiederum in der Vorstellung der Vergangenheit und der scheinbaren Gegenwart die Rolle seines Vaters annimmt. Als weitere Stufe der Verschmelzung von Fakt und Fiktion werden Junge und Mann durch den Sohn und den Vater des Künstlers verkörpert, wodurch die Alter und Identitäten der drei Männer sich zu überlappen scheinen. Aber nicht nur die Charaktere sind in einem Netz fiktionaler und realer Verbindungen verwickelt, auch das Filmmaterial, welches für die Produktion des Films nötig war, könnte derselben Zeit entstammen wie die in der ehemaligen Dunkelkammer gefundene Filmrolle – oder gar exakt dasselbe sein.
Ein weiterer durch die imaginären Rückblicke eingeführter Aspekt betrifft die Kraft des Sonnenlichts. In diesem Zusammenhang führt ein kurzer Exkurs in die Selbstversuche des belgischen Physikers Joseph Plateau ein, der 1829 für 25 Sekunden direkt in die Sonne geblickt hat. Während der Erzähler Plateaus spätere Erblindung diesem Vorfall zuschreibt, überlagern sich im Film Bilder in welchen eine fleckige Scheibe sowohl als erkranktes Auge wie als wolkenverhangene Sonne gesehen werden kann.
Obwohl der Künstler beiden Medien zeitweise verschiedene Arten zu Denken zugeschrieben hat, sind Film und Malerei in der Praxis von Wilhelm Sasnal eng miteinander verknüpft: seine Arbeit auf Film stellt dabei möglicherweise einen eher kontemplativen („aufnehmen“) Modus dar und seine Malerei einen eher deklarativen („ausspucken“). Developing Tank kann gewissermaßen als Fixpunkt verstanden werden, auf den sich einige der ausgestellten Malereien beziehen. Neben Untitled (father in a bed), welches tatsächlich im Film auftaucht und von Wilhelm Sasnals Vater in die Kamera gehalten wird und einen Abschnitt einleitet, der im Studio des Künstlers spielt, sind sowohl The Sun als auch Atomic Explosion 2 (2008) konzeptuell wie formal eng mit dem Film verbunden. Die großformatige Tuschezeichnung Untitled hebt weiter die ikonografische Assoziation zwischen Auge, Sonne und planetarischen Objekten hervor und mag so indirekt auf die Themen anderer Arbeiten, wie Scottish Rite Masonic Center oder The Devil, verweisen. Ersteres zeigt ein zum Orden der Freimaurer gehörendes Gebäude, Letzteres bezieht sich auf ein Bild der Montgolfier Brüder, die 1783 in Versailles einen Heißluftballon mit drei Tieren aufsteigen ließen (einem Schaf, einer Ente und einem Hahn) und in welchem der Ballon zu einer schimmernden Scheibe geworden ist.
Während es durchaus möglich ist, ein reiches Netz an tatsächlichen historischen, kulturellen und formalen Aspekten in der Bildsprache dieser Gruppe von Gemälden nachzuweisen, kann man diese Arbeiten auch als Zusammenfassungen von Recherchen verstehen, ähnlich einem enzyklopädischen Projekt das rein assoziativ arbeitet, als wäre jedes Bild eine mehrschichtige Sammlung der Beschäftigung des Künstlers mit diesen Themen. Obwohl Wilhelm Sasnals Gemälde grundsätzlich auf gefundenen Fotografien basieren, sind sie tatsächlich mehr Neuformulierungen ihrer Quellen, die versuchen, eine Essenz (nicht des Bildes sondern seiner Relevanz) zu destillieren, die nicht auf Reproduktion oder Plausibilität beruht, sondern auf emotionaler Wahrheit, die häufig im Prozess des Erschaffens von Auslassungen und Abwesenheiten zu finden ist.
Wilhelm Sasnals Arbeit beschäftigt sich mit der Welt der Bilder aber bettet diese ein in ein nicht lineares Kontinuum aus Vergangenheit und Gegenwart, persönlichen Konnotationen und öffentlicher Bedeutung, abstrakten und begrifflichen Formen, welche in der Folge die Bedeutung derartiger Klassifikationen aufheben.

Wilhelm Sasnal, geboren 1972 in Tarnów, Polen, studierte Architektur an der Cracow University of Technology, Polen (1992–1994) und Malerei an der Academy of Fine Arts im Cracow, Polen (1994–1999). Auswahl Einzelausstellungen: Haus der Kunst, Munich (2012), Whitechapel Art Gallery, London (2011), CAC Centro de Arte Contemporáneo Malága (2009), Van Abbemuseum, Eindhoven (2006), und Kunsthalle Zürich (2003)
Wilhelm Sasnal lebt und arbeitet in Krakau, Polen.