Florin Mitroi:

28. Oktober – 23. Februar 2012

Galerie 2

Florin Mitroi: "30.VII.1987 (Yellow Portrait)", 1987, 55 x 41 cm - 21.5 x 16 in., Tempera auf Holz
Florin Mitroi: "30.VII.1987 (Yellow Portrait)", 1987, 55 x 41 cm - 21.5 x 16 in., Tempera auf Holz
  • 2.XII.1976, 1976
											59 x 47,3 cm (gerahmt) - 23.2 x 18.6 in. (framed)
											Tempera auf Holz - Tempera on wood
  • 24.IX.1988, 1988
											25,5 x 21 cm (gerahmt) - 10.0 x 8.3 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 24.X.1992, 1992
											65 x 50,0 cm - 25.6 x 19.7 in.
											Tempera auf Leinwand - Tempera on canvas
  • 24.XII.1995, 1995
											69,5 x 50,2 cm - 27.4 x 19.8 in
											Tempera auf Papier - Tempera on paper
  • 29.II.1998, 1998
											27,5 x 23 cm - 11 x 9 in.
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 20.IX.1992, 1992
											32,9 x 28,3 cm (gerahmt) - 13.0 x 11.1 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • Evil St. George, 1987
											22,5 x 24 cm - 9 x 9.5 in.
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • Portrait of a Woman
											49,5 x 38,5 cm - 19.5 x 15.2 in.
											Tempera auf Holz -Tempera on wood
  • VII.1983, 1983
											55,3 x 40,8 cm - 21 x 16 in.
											Tempera auf Holz - Tempera on wood
  • 24.IX.1988, 1988
											29,8 x 24,7 (gerahmt) cm - 11.7 x 9.7 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 22.VI.1998, 1998
											29,3 x 24,4 cm (gerahmt) - 11.5 x 9.6 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 22.VI.1989, 1989
											29,5 x 24,1 cm (gerahmt) - 11.6 x 9.5 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 2.XII.1994, 1994
											64 x 50,2 cm  (geramt) - 25.2 x 19.7 in. (framed)
											Tempera auf Holz - Tempera on canvas
  • 4.IV.1993, 1993
											34,5 x 28,5 cm (gerahmt) - 13.6 x 11.2 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 4.II.1997, 1997
											29,7 x 25,3 cm (gerahmt) - 11.7 x 10.0 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 4.VI.2000, 2000
											35 x 28,7 cm (gerahmt) - 13.8 x 11.6 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 4.VII.1993, 1993
											29,7 x 25 cm (gerahmt) - 11.7 x 9.8 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 5.II.1977, 1977
											64,3 x 53,2 cm - 25.7 x 21 in.
											Tempera auf Holz - Tempera on wood
  • 9.XII.1994, 1994
											28,5 x 24,7 cm (gerahmt) - 11.2 x 9.7 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 16.XI.1987, 1987
											29,7 x 24,8 cm (gerahmt) - 11.7 x 9.7 in. (framed)
											Mischtechnik hinter Glas - Mixed media behind glass
  • 17.9.1993, 1993
											41 x 65 cm - 16.1 x 25.6 in.
											Tempera auf Leinwand - Tempera on canvas
  • 18.I.1998, 1998
											65 x 46,5 cm - 25.6 x 18.3 in.
											Tempera auf Leinwand - Tempera on wood
  • 18.V.1987, 1987
											47 x 43 cm -18.5 x 13.4 in.
											58 x 44,5 cm (gerahmt) - 22.8 x 17.5 in. (framed)
											Tempera auf Holz - Tempera on wood
  • 21.XII.1997, 1997
											55,5 x 41 cm - 21.8 x 16.1 in.
											Tempera auf Leinwand - Tempera on canvas
  • Installationsansicht - installation view
  • Installationsansicht - installation view
  • Installationsansicht - installation view
  • Installationsansicht - installation view
  • Installationsansicht - installation view

Johnen has a revelatory mini-retrospective of modernist Florin Mitroi (1938-2002), a singular, reclusive Romanian painter in tempera of stark portraits and disconcerting still-lifes.
Mitroi stands out for his moral/ political energy - in scant supply in this play-it-safe year.

Frieze Art Fair Besprechung von Jackie Wullschlager
Financial Times, 14 October 2011



Zu Lebzeiten hatte Florin Mitroi (1938-2002) nur eine Einzelausstellung, 1992 in der Galerie Catacomba in Bukarest. Und er zog sie zurück, verschmähte sie. Alslangjähriger Professor an der Kunstakademie in Bukarest, persönlich bekannt mit den meisten Künstlern, Kunsthistorikern und Kunstkritikern, war Mitroi allerdings ein verschlossener, stiller und bescheidener Mann. In den vergangenen vierzig Jahren verließen nur wenige verstörende Werke sein Atelier für seltene Gruppenausstellungen. Noch weniger Menschen kamen je in sein Atelier, wo die Arbeiten immer abgedeckt waren und während solcher Besuche versteckt statt gezeigt wurden. Vorsicht, Misstrauen und Diskretion zeichneten diese gequälte Persönlichkeit aus.

Mitro nahm seine öffentliche Erscheinung als Mensch und Künstler ganz zurück. Die geradezu unglaubliche Fülle seiner Arbeit wurde erst nach seinem Tod entdeckt, als Hunderte von Arbeiten auf Leinwand, Holz, Glas, und Metall sowie Tausende von Zeichnungen und Fotografien ihn sofort zu einer Hauptfigur in der rumänischen Kultur der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts machten, zu einem ein Modell für ein Leben, dass in den Zwängen des zerfallenden Kommunismus kämpft, der sich später zur wilden Konsumgesellschaft wandelte.

Mitrois Werk entwickelte sich in den späten 1950er Jahren, in den härtesten Zeiten des auf dem Proletkult begründeten sozialistischen Realismus. Künstler und Studenten, die sich der Propagandakunst verweigerten, wurden aus Akademien ausgeschlossen, verloren ihre Ateliers, wurden marginalisiert oder verhaftet. Sich den „gesellschaftlichen Forderungen“ (so wurden die vom Regime geforderten politischen Motive genannt) anzupassen, bedeutete für einige zu überleben, für andere bedeutete es, voranzukommen und Erfolg zu haben. Pathetische Helden wie stachanowistische Arbeiter oder Kolchosebauern, gemeinsam mit den Heldentaten und den Figuren der kommunistischen Führer, wurden die verpflichtenden „Inspirationsquellen“ für die offizielle Kunst.  Unter dem Druck der Repression, bald schon verinnerlicht von opportunistischen Künstlern, wurden ethische Fragen beiseite gewischt und ästhetische Standards aufgeweicht. Jede Art von klassischer Moderne, ein wieder auferstandener Traditionalismus und ab einem gewissen Zeitpunkt  auch neo-avantgardistische Ausdrucksweisen wurden von den kommunistischen Machthabern unter einer Voraussetzung geduldet: Sie durften das System nicht in Frage stellen. Und bis zum Dezember 1989 wurde das System auch tatsächlich weitgehend nicht in Frage gestellt.

Für Außenseiter wie Mitroi wurde die Verzweiflung zum persönlichen und historischen Drama. Ihm, dem Harmlosen, blieb nur noch übrig, innerlich zu opponieren und die ganze Welt um ihn herum in Frage zu stellen. Im echten Leben ein Meister der Diskretion und Verstellung, verwandelte sich Mitroi in seiner heimlichen Kunst in einen Meister der Entlarvung und Indiskretion, Niemand vermutete, dass er letztendlich schlüssige und weitgefächerte Forschungen über Verzweiflung und das Böse anstellte. Sein Werk ist ein riesiges Fresko eines leidenschaftlichen Theaters der Machtlosigkeit: Hass, Angst, Zweifel, Heuchelei, Bosheit, Misshandlung, Täuschung, Perversion – die ganze Spanne des boshaften Menschen blüht in seiner Galerie von dystopischen und dennoch zerbrechlichen Figuren eines ausufernden misanthropischen Stücks. Wenn die menschliche Figur an ihre Grenzen stößt, wird sie durch allegorische Objekte ersetzt: Äxte, Sicheln, Messer verwandeln scheinbar harmlose Stillleben in eine Bühne der Angst, Bedrohung und Gewalt, gelebt mit einem selbstmörderischen Eifer. Seine malerischen Experimente belebten alte Techniken wieder. Wie seine psychotische Forschung war auch seine technische Forschung politisch aufgeladen. Er erteilte der Ölmalerei eine Absage, denn er lehnte die Möglichkeit der Korrektur und Ausschmückung ab, ebenso wie die Möglichkeit, durch Schichten und Schattierungen Effekte zu erzielen. Im Gegensatz dazu ist die frische alte Temperatechnik  kompromisslos: Nur jeweils eine Eigenschaft, eine Farbe, nur eine Wahrheit sind erlaubt, auf eine direkte, unvermittelte und unveränderliche Art. Jedes Werk ist die akkurate und unlöschbare Verkörperung einer bestimmten Tatsache und eines Geisteszustands. Demnach werden die Arbeiten nach dem Tag, an dem sie entstanden sind, benannt, als sollte so eine transparente Realität, Wahrhaftigkeit oder Offenbarung festgemacht werden, wie eine Art Tagebuch.

Heute konzentriert sich die analytische Aufmerksamkeit  vor allem auf zwei Arten von Helden aus der Zeit des Kommunismus: entweder auf die laute Opposition (die „Dissidenten“) oder auf die überzeugten Unterstützer (die „Apparatschicks“). Dies liegt daran, dass auch heute noch Macht sogar den kritischen Blick verführt. Aber Opposition und Regime teilten die Sprache der gleichen Macht (oft waren die Dissidenten einfach nur Apparatschicks, die keine Vergünstigungen bekamen und dann zu Gegnern wurden). Mitroi dagegen verwendet die Sprache der Machtlosigkeit. Seine antiheroische Position stellt auch heute noch eine Herausforderung dar und trotzt dem öffentlichen Bewusstsein, das  von nichtssagender Macht immer noch fasziniert ist.  Mitrois stacheldrahtige Kunst ist Selbstverteidigung gegen die invasive brutale Rhetorik eines ideologischen Gesellschaftskörpers. Daher kommt auch ihre Grausamkeit. In seinen Arbeiten ist Protest durch Angst entstellt, Menschlichkeit durch Überleben und Barmherzigkeit durch Bestialität. Es ist immer noch schwierig, seine Werte zu ertragen. Aufrichtigkeit, Direktheit, Inbrunst, Panik, Schwäche, Verzweiflung und Selbstmord als einziger Ausweg fordern auch heute noch den Betrachter heraus, der sich nach visuellem Trost sehnt.

Heutzutage ist es weniger gefährlich, Anschuldigungen gegen das politische System zu erheben (das kommunistische, aber auch andere) und Einzelpersonen zu Opfern zu machen. Mitroi konnte das System einfach nicht sehen: alles, was er sah, waren Menschen, die durch ihre Akzeptanz des Gegebenen verstümmelt waren. Eher moralisch als konzeptionell,  fungiert das Werk von Mitroi wie ein Objektiv, die ekstatisch das weitgreifende Böse im Inneren aufzeichnet, seine selbstzerstörerische und deligitimierende Wirkung. Sein Werk, dass auf seiner Erfahrung des Kommunismus basiert, behandelt Themen, die auch für das heutige Bewusstsein noch höchst relevant und schmerzhaft sind.

Text: Erwin Kessler