Martin Honert

29. April – 28. Mai 2016

VSG-Gruppe, 2015-2016, Polyurethan, Sand, Holz, Ölfarbe, 220 x 560 x 200 cm
VSG-Gruppe, 2015-2016, Polyurethan, Sand, Holz, Ölfarbe, 220 x 560 x 200 cm
  • VSG-Gruppe, 2015-2016, Polyurethan, Sand, Holz, Ölfarbe, 220 x 560 x 200 cm
  • Schlafsaal, Modell 1:5, 2013, Holz, elektrische Geräte, Styrodur, Papier, Tusche auf Kunststofffolie, Acrylglas, Duratrans, Lichtinstallation
  • Schlafsaal, Modell 1:5, 2013, Holz, elektrische Geräte, Styrodur, Papier, Tusche auf Kunststofffolie, Acrylglas, Duratrans, Lichtinstallation
  • Ziegelei, 2015-2016, Fotodisplay, Holz, Leuchtkasten, Installation
  • Ziegelei, 2015-2016, Fotodisplay, Holz, Leuchtkasten, Installation

Die Johnen Galerie freut sich, Martin Honerts fünfte Einzelausstellung in der Galerie zu präsentieren. Sie wird am Freitag, den 29. April 2016 eröffnet und läuft bis zum 28. Mai 2016. Die Eröffnung ist am 29. April 2016 von 18–21 Uhr und beginnt zeitgleich mit dem Gallery Weekend Berlin
Seit den frühen 1990er Jahren definiert Martin Honert (geboren 1953 in Bottrop) die Möglichkeiten der zeitgenössischen Skulptur neu. Honert studierte in den 1980er Jahren in Fritz Schweglers Meisterklasse an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Wie seine Kommilitonen Katharina Fritsch und Thomas Demand definierte auch er den Begriff der Medienspezifizität neu, sodass sein Werk sich äußerst vielfältig gestaltet: Der Künstler entwickelt für jede Arbeit einen eigenen Prozess und eine eigene Materialität. 1995 erlangte Honert erstmals internationale Aufmerksamkeit, als seine Arbeit im Deutschen Pavillon der 46. Biennale von Venedig ausgestellt wurde (gemeinsam mit Arbeiten von Katharina Fritsch und Thomas Ruff). 2012 zeigte der Hamburger Bahnhof in Berlin eine umfangreiche Honert-Retrospektive. Im darauffolgenden Jahr präsentierte die Vancouver Art Gallery einen Überblick über das Werk des Künstlers, dessen Co-Kurator Jeff Wall war.
Honert arbeitet in seinem Atelier über einen Zeitraum von mehreren Jahren an seinen Werken. Dreidimensionale Arbeiten, in äußerst sorgfältiger Handarbeit produziert und aufwendig inszeniert, fangen die Ambivalenz von Kindheitserinnerungen ein, um die Nachdrücklichkeit von Bildern zu begreifen, deren Bedeutung nicht immer sofort ersichtlich ist, nicht einmal für den Künstler selbst. Zur zentralen Rolle, die die Kindheit in seinem Schaffen einnimmt, sagte Honert: „Meine Kindheit war bestimmt genauso fade und langweilig wie alle Kindheiten. Für mich ist es wichtig herauszufinden, was zwar weit zurückliegt, aber für mich immer noch Bestand als Bild, als Erinnerung hat.“
In der Ausstellung werden drei Arbeiten zu sehen sein: zwei neue großformatige Installationen, VSG-Gruppe 2015 – 16, Ziegelei 2015 – 16 und Schlafsaal, Modell 1:5, 2013.
VSG ist die Abkürzung für „Versehrten-Sport-Gemeinschaft“. Honert hat einer ergreifenden Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Jahr 1956 sechs Figuren in Lebensgröße entnommen, die auf einer Tribüne sitzen. Die Männer, von denen die meisten eine Amputation haben, entspannen sich an einem Badeplatz. Das Entstehungsjahr des Fotos lässt darauf schließen, dass es sich bei sehr wahrscheinlich um Kriegsversehrte handelt. Die Figuren wurden aus Polyurethan gegossen, dem Sand beigemengt wurde, und dann von Honert mit einer dünnen Glasur versehen sowie bemalt, um den Eindruck einer alten Fotografie mit ihrer verblassten, grobkörnigen Auflösung zu verstärken. VSG-Gruppe weckt eindringlich Erinnerungen an den Alltag im Deutschland der Nachkriegszeit, in dem die Wunden des Zweiten Weltkriegs noch deutlich zutage traten.
Ziegelei hat seinen Ursprung in Erinnerungen des Künstlers daran, wie er in einer alten Ziegelei in der Nähe seines Bottroper Elternhauses spielte. Für das Werk hat er die Reihen der Ziegelei mit ihren gleichmäßigen Abständen ähnlich einem Diorama nachgebaut. Hinter den dunklen, sich hoch auftürmenden Trockengestellen ist ein von hinten beleuchtetes altes Foto zu sehen, das einen leuchtend blauen Himmel und die Dächer einer Reihe bescheidener Vorstadthäuser zeigt. Die Gestellreihen sind leicht verzerrt und ergeben durch ihre Anordnung für den Betrachter zwangsläufig einen ganz bestimmten Blickwinkel: den eines kleinen Kindes, das aus einem Versteck hervorlugt. Mit Verzerrungen von Maßstab und Perspektive stellt Honert in seinem Schaffen jeglichen Anspruch an Wirklichkeitstreue infrage und entscheidet sich stattdessen für eine emotionale Wahrheit. Die Skulpturen sollen nicht so sehr etwas darstellen, sondern ähneln eher wiedergewonnenen Eindrücken.
Schlafsaal, Modell 1:5 baut auf dem Original eines Foto-Negativs auf und bezieht sich auf einen Schlafsaal aus Honerts Zeit im Internat. Durch die Umkehrung von Licht und Schatten wird die Wirkung eines Negativs nachgeahmt: Unter den Betten mit ihren blauen Gestellen und hellorangefarbenen Matratzen dringt helles Licht hervor. Honert befasst sich mit der Fotografie als Medium und macht in dreidimensionaler Form Effekte sichtbar, die man generell mit fotografischen Aufnahmen verbindet.

Martin Honert wurde 1953 in Bottrop geboren. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf und Dresden. Der Künstler studierte an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf und vertrat Deutschland 1995 bei der Biennale von Venedig. Seit 1998 hat er eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste Dresden inne. Ausgewählte Einzelausstellungen des Künstlers: Martin Honert, Vancouver Art Gallery, Vancouver, Kanada (2013); Martin Honert: Kinderkreuzzug, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin (2012); Martin Honert, Kunsthalle im Lipsiusbau, Staatliche Kunstsammlungen, Galerie Neue Meister, Dresden (2007); under cover – aus dem Verborgenen, Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf (2006) und Martin Honert, Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Münster (2005). Ausgewählte Gruppenausstellungen: Formes Biographiques, Carré d Art – Musée d’art contemporain, Nîmes (2015); Enlight my Space. Art after 1990, Kunsthalle Bremen, Bremen (2015); lens-based sculpture – The transformation of sculpture through photography, Akademie der Künste, Berlin (2014); Sculpture at the Duesseldorf Art Academy: 1945 to the Present, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (2013); The Promised Land, Albertinum, Dresden (2010); Vertrautes Terrain. Aktuelle Kunst in & über Deutschland, ZKM, Karlsruhe (2008) und Spielräume, Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg (2005).