Helmut Stallaerts: 1 + 1= 3

20. Juli – 24. November 2007

  • Prophecy, 2007, Öl auf Leinwand - oil on canvas, 3-teilig, je 200 x 250 cm - 3 parts, each 78.7 x 98.4 in..
  • Prophecy (detail), 2007, Öl auf Leinwand - oil on canvas, 3-teilig, je 200 x 250 cm - 3 parts, each 78.7 x 98.4 in..
  • Prophecy (detail), 2007, Öl auf Leinwand - oil on canvas, 3-teilig, je 200 x 250 cm - 3 parts, each 78.7 x 98.4 in..
  • Prophecy (detail), 2007, Öl auf Leinwand - oil on canvas, 3-teilig, je 200 x 250 cm - 3 parts, each 78.7 x 98.4 in..
  • Prophecy (detail), 2007, Öl auf Leinwand - oil on canvas, 3-teilig, je 200 x 250 cm - 3 parts, each 78.7 x 98.4 in..
  • Prophecy (detail), 2007, Öl auf Leinwand - oil on canvas, 3-teilig, je 200 x 250 cm - 3 parts, each 78.7 x 98.4 in..
  • Prophecy (detail), 2007, Öl auf Leinwand - oil on canvas, 3-teilig, je 200 x 250 cm - 3 parts, each 78.7 x 98.4 in..
  • Models, 2006-2007, s/w-Photographien auf Baryth-Papier, gerahmt - Black and White photographs on Baryth, framed.  28-teilig, je 30 x 40 cm - 28 parts, each 16 x 12 in.. Edition 4/5
  • Pan-optic, 2005 - 2007, Mixed Media.  6-teilig, je 170 x 61 x 94 cm - 6 parts, each 67 x 24 x 37 in..
  • Pan-optic, 2005 - 2007, Mixed Media.  6-teilig, je 170 x 61 x 94 cm - 6 parts, each 67 x 24 x 37 in..
  • Pan-optic, 2005 - 2007, Mixed Media.  6-teilig, je 170 x 61 x 94 cm - 6 parts, each 67 x 24 x 37 in..
  • Pan-optic, 2005 - 2007, Mixed Media.  6-teilig, je 170 x 61 x 94 cm - 6 parts, each 67 x 24 x 37 in..
  • Pan-optic, 2005 - 2007, Mixed Media.  6-teilig, je 170 x 61 x 94 cm - 6 parts, each 67 x 24 x 37 in..
  • Pan-optic, 2005 - 2007, Mixed Media.  6-teilig, je 170 x 61 x 94 cm - 6 parts, each 67 x 24 x 37 in..
  • Pan-optic, 2005 - 2007, Mixed Media.  6-teilig, je 170 x 61 x 94 cm - 6 parts, each 67 x 24 x 37 in..
  • Vanitas, 2004- 2007, DVD-Projektion, Ton - DVD projection, sound.  7’20’’. Edition 3 + 1 A.P.
  • Vanitas, 2004- 2007, DVD-Projektion, Ton - DVD projection, sound.  7’20’’. Edition 3 + 1 A.P.
  • Vanitas, 2004- 2007, DVD-Projektion, Ton - DVD projection, sound.  7’20’’. Edition 3 + 1 A.P.

Der Kanon der Wertvorstellungen unserer Gesellschaft, ihre Ideologie, versteht sich aus sich selbst heraus und ist insofern unsichtbar. Dies wird deutlich, wenn wir uns unverdächtige Institutionen anschauen, in denen er auftaucht: Familie, Erziehung und Arbeit. Für deren Erhalt wesentliche Begriffe sind „Freiheit“, „Authentizität“ und „Individualität“ – und fortwährend werden sie beschworen. Dementsprechend ist es für uns alle von großem Interesse, wie menschliche Individualität gedacht werden kann innerhalb einer allgemeinen Ideenlehre. Eine Antwort auf diese Frage könnte Einblick gewähren in die Mechanismen von Macht und ihre Ordnungsstrukturen, insbesondere zu einer Zeit, da alles von Bestand sich mehr denn je aufzulösen scheint.

Ebenso wie Religion nicht allein aus Ideen und Wertvorstellungen besteht, sondern eine Praxis ist – „Knie nieder, bewege die Lippen und du wirst glauben“ (Blaise Pascal) –, so besteht auch Ideologie aus einer Reihe sozialer Praktiken, ununterscheidbar von allem, was uns umgibt und uns zu menschlichen Wesen macht. Es ist immer das, was wir sind und was von uns entweder akzeptiert oder verneint, auf jeden Fall jedoch, was dauerhaft „als gültig anerkannt“ wird. Man könnte also sagen, dass Individuen wie auch immer zu Subjekten der Ideologie werden; sie sind Unterworfene (Louis Althusser). Soziale Praktiken sind derweil gebunden an soziale Räume und versehen mit einer bestimmten Zeitauffassung. Um „Macht“ und „Individualität“ in Frage zu stellen, muss man Subjekte möglicherweise als Produkte ihrer eigenen Subjektivität und gleichzeitig als deren Erzeuger betrachten, die hervorgebracht werden durch eine Reihe sozialer Praktiken, denen sie unterworfen sind und die sie gleichzeitig selber anwenden. Es ist nicht notwendigerweise so, dass Macht durch jemanden über jemanden anderen ausgeübt werden muss, sondern sie kann auch als die Logik gelten, die der Art und Weise innewohnt, durch die wir zu Subjekten werden.

Vollziehen sich soziale Praktiken in Institutionen also mit ihren eigenen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, wie Fabriken, Universitäten oder Familien? In der Tat handelt es sich um genau definierte Orte, an denen wir Ausschau halten und betrachtet werden, während wir in der Ekstase gegenseitiger Anerkennung aufgehen. Doch was, wenn sich diese Institutionen derzeit in der Krise befinden (Gilles Deleuze)? Sind sie nicht im Begriff sich aufzulösen? Manch einer mag sogar behaupten, dass wir endlich ihre repressiven Fesseln abgeschüttelt haben. Arbeiten und Lernen beispielsweise sind nicht länger an einzelne Institutionen gebunden, sondern haben sich ausgedehnt auf andere Bereiche, so dass wir uns fragen müssen, was es eigentlich ist, das sie im Kern ausmacht. Ihrer Natur gemäß definieren bestehende Institutionen klare Grenzen zwischen dem, was als „drinnen“, und dem, was als „draußen“ zu gelten hat. Sie sind sowohl inklusiv als auch exklusiv in ihrem permanenten Anpassungsprozess an akute Situationen, bei dem sie unterschiedliche Formen des Widerstands, den sie durch ihre Allgegenwärtigkeit zwangsläufig generieren, absorbieren und ihren Strukturen einverleiben. Grenzen werden so zunehmend unscharf und dies führt zu etwas, das wir als „offene Gesellschaft“ bezeichnen könnten. Die „offene Gesellschaft“ wird keine Grenzen mehr haben, wird keine Unterschiede mehr kennen zwischen Produktionsstätten, Schulen und Haftanstalten, da ihre Mauern zugunsten wechselseitiger Verhältnisse eingerissen sein werden.

Sind dies Symptome eines anbrechenden neuen Zeitalters, in dem soziale Praktiken in einem weitaus komplexeren Sinn funktionieren? Vielleicht, doch dies bedeutet nicht zwangsläufig die Entwicklung „autonomerer Formen der Konstruktion des Selbst“ wie wir anzunehmen verleitet sein könnten. Auch wenn die Institutionen sich weiter verflüchtigen, bleibt die Ideologie doch bestehen, sie wird lediglich unsichtbarer und ruft weniger Widerständehervor, da sie nicht länger in Gestalt angestammter Institutionen auftritt. In der „offenen Gesellschaft“ wird alles sichtbar sein und nichts dem Auge verborgen bleiben, und wegen dieses Fehlens von Grenzen wird auch die reine Macht unsichtbar sein. Wo es keine Himmel mehr zu stürmen gibt, wird die Ideologie womöglich endgültige Triumphe feiern.

Doch was wird bleiben von ihren Subjekten? „Individualität“, „Authentizität“ und „Freiheit“ könnte zum Synonym werden für einen konstant sich wandelnde Subjektivität, die sich gesellschaftli- chen Erfordernissen „flexibel“ anzupassen weiß. Macht ist unter solchen Bedingungen vollkommen abwesend, ebenso wie Opfer und Machthaber. So sonderbar es auch erscheinen mag, tragen Institutionen doch wesentlich zu unserer Befriedigung als Subjekte bei, indem sie uns durch ihr Vorhandensein als solche bestätigen. Wir sind jemand, sei es als Vater, als Arbeiter oder als Künstler. Die vage Vorstellung des Subjekts, die uns bevorsteht, mag für viele höchst irritierend sein und ihr Begriff von „Autonomie“ könnte sogar zu einer Sehnsucht nach vermeintlich „stabilen“ Verhältnissen in Familie, Arbeit oder Strafvollzug führen, bei denen alles festgelegt ist und nicht ununterscheidbar in völliger Transparenz. Die „offene Gesellschaft“ wird also ihre Feinde haben, deren Widerstand jedoch letztendlich nutzlos sein wird.

Früher wanderten wir von einer Institution zur nächsten, etwa von der Schule zur Firma, und mögen diesen Wechsel sogar als Befreiung des Selbst erfahren haben, doch könnte es sein, dass bald keine Mauern mehr zu durchbrechen, keine Grenzen mehr zu übertreten da sein werden. Der Ausbruch aus einem bestimmten Kontext führte unvermeidlich zur Vereinnahmung durch einen anderen, doch die Zeit des vorbestimmten Wegs von der Wiege bis zur Bahre scheint endgültig vorbei zu sein. Welchen Übergang wird es dann noch zu Beschwören geben?

Eines der konstitutiven Prinzipien der „offenen Gesellschaft“ könnte die langfristige „Sorge ums Leben“ werden. Das Subjekt würde dementsprechend zu einem Objekt der Beschwörung und der Aufmerksamkeit werden, und dies zurecht, handelt es sich doch um eine Maschinerie zur Erzeugung eines permanenten Stroms von Wünschen, die innerhalb, entlang und anhand unbegrenzter Bezugssysteme aktiv sind, ohne jemals aus ihnen auszubrechen.

Giovanni De Ridder