Tim Lee: Klavierübung (Goldberg-Variationen)

22. März – 26. April 2008

  • Equipment only- The Goldberg Variations, Aria, BWV 988, 1741, Johann Sebastian Bach (Glenn Gould, 1981), 2007, 2-Kanal-Video-Installation - 2-canal-video-installation. Edition 3/4
  • The Goldberg Variations, Aria, BWV 988, 1741, Johann Sebastian Bach (Glenn Gould, 1981), 2007, Druck, gerahmt - print, framed.  65 x 91 cm - 25.6 x 35.8 in.. Edition AP II
  • My My, Hey Hey (Out of the Blue), Hey Hey, My My (Into the Black), Neil Young, 1979, 2007, C-Print, gerahmt- framed, 2-teilig - 2 parts, je 223,5 x 162,6 cm - each 88 x 64 in.. Edition 2/5

Lees Video-Insatallation The Goldberg Variations, Aria, BWV 988, 1741, Johann Sebastian Bach (Glenn Gould, 1981) zeigt auf zwei nebeneinander an der Wand montierten Monitoren je eine Klaviatur, über welchen, im Zusammenspiel, je eine Hand des Künstlers das im Titel der Arbeit genannte Klavierstück Bachs interpretiert. Lee agiert in seinen musik-bezogenen Videos immer selbst, dies obwohl er kein Musiker ist, sein Amateurismus ist vielmehr Teil seiner konzeptuellen Projekte. Für diese Arbeit nahm Lee Klavierstunden und ließ sich während der Aufnahmen hinsichtlich Spiel und Handstellung anleiten. Die linke und rechte Hand wurden separat und Phrase für Phrase aufgenommen, dann später zusammen geschnitten und synchronisiert. Die teilweise harten Schnitte bleiben sichtbar, insgesamt klingt das Spiel etwas rau aber durchaus virtuos. Lees Rekonstruktion des Stücks bezieht sich auf die berühmten Bach-Interpretationen Glenn Goulds. Allerdings nicht auf seine erste Studioaufnahme der „Variationen“ von 1955, den Beginn der Karriere des Pianisten, sondern auf die legendäre, kurz vor dessen Tod 1981 entstandene. Gould, der seit 1964 kein einziges öffentliches Konzert mehr gab und sich konsequent ganz auf die elektronischen Medien konzentrierte, um die Qualität seiner Arbeit zu maximieren, hatte großes Interesse am Aufnahmeprozess und erforschte selbst die Auswirkungen des Zusammenschneidens einer Aufnahme aus unzähligen Versionen auf das musikalische Argument. Lees Imitation dieser Technik betont die Fragen nach Urheberschaft und Authentizität, die schon dieses Schlüsselwerk Goulds aufwirft, welches ja bereits die höchst manipulierte zweite Version seiner Interpretation des von Bach komponierten Musikstückes ist.

Lees Foto-Diptychon My My, Hey Hey (Out of the Blue) / Hey Hey, My My (Into the Black), Neil Young, 1979 zeigt zweimal Lee, je eine akustische bzw. eine elektrische Gitarre haltend, in der Pose Neil Youngs während der Aufnahme seines Live-Albums Rust Never Sleeps. Fotografiert von oben, zeigen die Draufsichten vor allem die langen Schatten, die Lee auf dem Boden wirft. In Anspielung auf die kreative Ruhelosigkeit und Selbstreflexion Youngs, die sich in seinen charakteristischen Doppel-Variationen des selben Songs zeigt, sind die Arbeiten spiegelbildlich, wie die Seiten einer Schallplatte, installiert.

Tim Lee wurde 1975 in Korea geboren und ist kanadischer Staatsangehöriger. Er lebt und arbeitet in Vancouver. Lees künstlerische Praxis basiert auf der Strategie der Wiederholung bzw. auf der Frage, wie sich ein Ereignis, ein Bild oder ein Musikstück durch die Wiederaufführung und Neuinterpretation verändert. Alle Arbeiten Lees weisen Bezüge zu früher Konzeptkunst auf, die sich teils in Anspielungen, teils explizit ablesen lassen. Die Anklänge an Kunst beispielsweise von Bruce Nauman, Dan Graham, A.M. Rodtschenko oder Laszlo Moholy-Nagy, die Lee aufgreift, zeigen sein Interesse an Künstlern, die nicht nur selbst in verschiedenen Medien arbeiten, sondern bereits ihrerseits ein System von Selbst-Referenzen etabliert haben. Lee isoliert Aspekte verschiedener Hochkunst-Strategien und setzt sie in Beziehung zu popkulturellen Traditionen. In der Kombination künstlerischer Medien wie Videoarbeiten, Fotografien, Skulpturen und Malerei setzt er Assoziationsketten in Gang, die Elemente der frühen Videokunst, der Slapstick-Comedy, der Rockmusik der 70er Jahre und der Experimentalfotografie miteinander verknüpfen. Dabei führt er so unterschiedliche Figuren, wie Nauman und Moholy-Nagy mit Neil Young und Glenn Gould zusammen.

Immer steht der Künstler selbst im Zentrum seiner Arbeiten, die in der Form quasi-dokumentarischer Zeugnisse bedeutende Momente der nordamerikanischen Populärkultur nachstellen. Für Lees Werk typisch ist ein vielschichtig vernetztes, komplexes Verweis- und Bedeutungsgefüge. Er wiederholt Schlüsselmomente bzw. –werke der Besten ihrer Fächer auf seine laienhafte Art. Er kombiniert, verdichtet und verflacht die ursprünglichen Ideen bis an die Grenze des Lächerlichen, um von dort ins Sublime zu weisen. Es ist Lees Humor, der seine Cover-Versionen von den Remakes der ursprünglichen Originale, auf die sie sich beziehen, absetzt. Lees Mischung aus Aneignung, Huldigung und Abwandlung seiner Zitate verbindet Momente der Popkultur mit Aspekten der Hochkunst, insbesondere mit Anspielungen auf die späte Moderne und die frühe konzeptuelle Kunst. Durch seine lockere, humoristische Annäherung erleichtert der Künstler den Zugang zu seinen Bezugsgrößen und erreicht eine Durchleuchtung der einzelnen Aspekte. Nahezu spielerisch gelangt Lee hierüber letztlich zu einem Kern seiner Arbeit, zur Hinterfragung von Nationalität und Zugehörigkeit, von ethnischer und kultureller Identität, einem Interesse an diesem Zusammenhang, welches sich aus Lees eigener, hybrider Herkunft speist.