Francesco Gennari : New pagan sun

14. Juni – 23. August 2008

  • Avendo se Stessi Come Unico Punto di Riferimento / Sich Selbst als Einzigen Bezugspunkt Habend / Having Oneself as Sole Point of Reference, 2004.
											Abzug: 11,5 x 11,5 cm; mit Rahmen: 30 x 30 cm - Print: 4.5 x 4.5 in.; with Frame: 12 x 12 in.
											Gelatine Silver Print, gerahmt (framed)
  • Autoritratto tra un Quadrato e un Triangolo / Self-Portrait in Between a Square and a Triangle, 2006.
											11 x 11 x 77 cm - 4.5 x 4.5 x 30.5 in.
											Schwarzer Marmor, Gin -  black marble, gin
  • Studio per Scultura Volante (Nuovo Sole Pagano) / Study for Flying Sculpture (New Pagan Sun), 2007.
											220 x 220 x 3 cm - 86.5 x 86.5 x 1 in.
											Weißer Marmor, Baumwollfäden - white marble, cotton threads
  • Il Luogo Dove non c'è più Posto per la Coscienza (Doppio Angolo n. 8) / The Place Where There is no Longer Place for Conscience (double corner no. 8), 2008.
											122 x 131 x 0,5 cm  - 48 x 51.5 x 0.2 in.
											Silber - silver
  • La terra gira le spalle al sole / The world turns its back to the sun, 2007.
											138 x 35,5 35,5 cm - 54.3 x 14 x 14 in.
											Schwarzer Marmor, Eisen, Eigelb - black marble, iron, egg yolk
  • Mausoleo per un Verme / Mausoleum for a Worm, 2006.
											49,5 x 49,5 x 61 cm - 19.5 x 19.5 x 24 in.
											Tulpenbaumholz, Zucker, Wurm - tulip tree wood, sugar, worm

Ein Streifzug durch den Cyberspace hat mich neulich gelehrt, dass es zwei Personen namens Francesco Gennari gibt. Einer – zugegebenermaßen derjenige, auf den bei weitem die meisten Treffer kamen – ist der Bildhauer, dessen Werke zur Zeit in der Johnen Galerie ausgestellt sind. Ein italienischer Künstler, 1973 in Pesaro geboren. Der andere ist heute weitaus weniger bekannt (was allerdings einmal anders gewesen sein muss): ein italienischer Anatom, der von 1750 bis 1797 lebte und der 1782 eine kurze Abhandlung veröffentlichte, die ihm schließlich seinen Platz in den Annalen der Neurobiologie sicherte und in der er den sogenannten Stria oder Gennaristreifen beschrieb und lokalisierte. Dieser Gennaristreifen ist ein dünner weißer Streifen aus Myelin (das organische ‚Fett‘, welches Nervenmasse isoliert), der mit dem bloßen Auge erkennbar ist und durch die graue Masse des Okzipitallappens verläuft, dem Teil des Gehirns, der den hintersten Bereich des Schädels ausfüllt. Obwohl diese revolutionäre Entdeckung weitreichende Auswirkungen auf unser Verständnis von der Arbeit des menschlichen Gehirns hatte, ahnte Gennari selbst nicht, dass er tatsächlich auf die primäre Sehrinde, d.h. auf das primordiale Zentrum der Verarbeitung visueller Informationen, gestoßen war. Der Gennaristreifen ist der Sitz des Sehens, der visuellen Repräsentation.

Ob sein Namensvetter, der heutige Francesco Gennari, ein Macher von Bildern (visuellen Repräsentationen, visualisierten Ideen) oder in erster Linie von Objekten (artikulierter Materie, materiellen oder ‚physischen‘ Fakten) ist, ist eine vielschichtige Frage, die innerhalb des hier zur Verfügung stehenden Platzes kaum angemessen behandelt werden kann. Seine Arbeiten haben sicherlich diese unbestreitbare Qualität mysteriöser Dichte und hermetischer Rätselhaftigkeit, die die wissbegierige Sensibilität des älteren Gennari, dem Entdecker einer stillen neuen Insel im hinteren Gehirnbereich (dessen genaue Funktion der Naturwissenschaft für etwa ein weiteres Jahrhundert verborgen bleiben würde) auf jeden Fall angesprochen hätte.

Die seltsame Mischung aus auratischem Geheimnis und faktischer Härte, aus mystischer Wahrheit und plastischer Artikulation, die sich in Gennaris Arbeit zeigt, spiegelt in gewisser Weise die extrem fruchtbare erkenntnistheoretische Verwirrung wider, die ein charakteristisches Merkmal des Beginns der modernen Ära im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts war, als die fantastischen Spekulationen der letzten Alchimisten einige Zeit lang relativ friedlich neben den strengeren, empirischen Intuitionen der frühen (‚positivistischen‘) Naturwissenschaft existierten. Der ‚demiurge‘ vormoderne Traum der Alchimie als eine magische Kunst der Verwandlung hilft jedenfalls, unser Verständnis von Gennaris schwer fassbaren, nicht zu identifizierenden Objekten – im Eigenverständnis des Künstlers Manifestationen einer demiurgen Präsenz in der Welt – weiter zu entwickeln, während die kosmologischen Ansprüche seiner modellartigen Objekte (eines davon ‚repräsentiert‘ tatsächlich unser Sonnensystem, dessen faktisches Verständnis man in der Tat erst während der späten  Jahre der italienischen Renaissance erlangte) einen ‚wissenschaftlichen‘ Impuls enthüllen, nämlich den des modernen Zwangs, hindurch zu sehen, zu untersuchen, in der Methodik des Künstlers am Werk zu sein.

In den letzten zwei Jahren hat das Interesse an Magie und verwandten ‚okkulten‘ Praktiken als ein Modell zur Hinterfragung künstlerischer Praktiken einen bemerkenswerten Zuwachs erfahren. Die einst vorherrschende Einstellung des Rationalismus, der Ironie und des politischem Optimismus – die insgesamt die Weltsicht der Konzeptkunst der 70er, der Post-Moderne der 80er bzw. der relationalen Ästhetik der 90er bestimmten – scheint den Weg für eine ‚Rückkehr‘ zu einem romantischeren Konzept der Kunst freigegeben zu haben, das in gewisser Weise verwandt ist mit magischem Denken und spiritueller Erfahrung, zu Transzendenz, Andersartigkeit und dem Unheimlichen (zu der Enthüllung der, in den Worten Bruce Naumans, „mystischen Wahrheiten“). Dieses sind grandiose Ansprüche, die mit nicht wenigen Risiken verbunden sind. Aber der Eifer und der schiere Enthusiasmus, mit dem so viele junge Künstler bereit zu sein scheinen, sich auf das Große Unbekannte – eine imaginäre Unterwelt, die von Leuten wie Caspar David Friedrich und Joseph Beuys  bevölkert wird – einzulassen, spricht von einer echten Dringlichkeit, einem ehrlichen Bedürfnis danach, sich wieder mit den uranfänglichen Wurzeln der Kunst in den Gefilden magischer Vorstellungen zu verbinden.

Francesco Gennaris Arbeit verkörpert diesen Drang auf eine unverfälschte Art und Weise, und eines seiner für ihn sehr charakteristischen Stücke aus dem Jahr 2006, Autoritratto tra un quadrato e un triangolo (Selbstportrait zwischen einem Quadrat und einem Dreieck) ist ein besonders überzeugendes Beispiel hierfür, nicht zuletzt deshalb, weil es ein Selbstportrait ist, was ‚beweist‘, dass der Künstler sich über das Ausmaß dessen im Klaren ist, was auf dem Spiel steht, wenn man sich selbst als einen Demiurg betrachtet. Gennaris Kunst der Verwandlung – und ist nicht der Traum der Metamorphose das Herz und die Basis aller Magie? – tritt hier in der Doppelheit von Material und Spirituellem auf: Was das Material betrifft, so ist sie eine harte geometrische Form, ein Dreieck, aus dem ein Quadrat wird und umgekehrt, während das Spirituelle in Form von Gin anwesend ist, in dem das Objekt getränkt wurde (im wörtlichen Sinne eine Spirituose und etymologisch verwandt mit dem englischen Wort ‚genie‘ (Flaschengeist), dem Genie und dem Dschinn der islamischen Mythologie). Gennari platziert die Skulptur im Kellergeschoss der Galerie, von wo aus sie unbehelligt ihrer magischen, demiurgen Arbeit der Animation einer auratischen Welt nachgeht, die der Künstler im Hauptraum der Galerie entfaltet aus Repräsentanten des Universums, einem Mausoleum für einen toten Wurm (davon gibt es einige in Gennaris Arbeit) und einem Schwarzweiß-Foto – vielleicht ein weiteres Selbstportrait? – einer Schnecke, die hilflos auf einem Sahneberg sitzt und verzweifelt darum kämpft, ihren Weg zurück auf festen Grund zu finden. „Sich selbst als einzigartigen Bezugspunkt habend“, wie die deutsche Übersetzung des Titels dieser Arbeit lautet, ist sowohl ein Segen als auch ein Fluch – das Schicksal eines jeden Künstlers, der sich in diese schöne neue Welt wagt.

Dieter Roelstraete