Andrew Grassie, Jordan Kantor, Roman Ondák, Mircea Cantor, Geoffrey Farmer: I am never at home

05. September – 17. Oktober 2008

  • MIRCEA CANTOR, Eyes staring to my absence, 2008, Holzstab, Eiche - wood slat, oak. Länge 61,8 cm - length 24.3 in..
  • Geoffrey Farmer, It is not worth the bother of killing yourself, since you always kill yourself too late., 2008, bearbeiteter Gewehrreiniger, Holzschemel, diverse Materialien -modified rifle cleaner, wooden stool, various signs. Maße variabel -dimensions variable.
  • Geoffrey Farmer, It is not worth the bother of killing yourself, since you always kill yourself too late., 2008, bearbeiteter Gewehrreiniger, Holzschemel, diverse Materialien -modified rifle cleaner, wooden stool, various signs. Maße variabel -dimensions variable.
  • Andrew Grassie, Studio at Night, 2008, Tempera auf Papier auf Holzplatte - tempera on paper on board.  12.7 x 19 cm - 5 x 7.7 in..
  • Jordan Kantor, Untitled (collage painting), 2007 - 2008, Emaille und wasserlösliches Öl auf Papier, auf Leinwand montiert - enamel and water-soluble oil on cut-and-pasted paper on canvas. 61 x 43 cm - 24 x 17 in..
  • Jordan Kantor, Untitled (ghost image), 2006, Öl auf Leinwand - oil on canvas. 66 x 61 cm - 26 x 24 in..
  • Jordan Kantor, Untitled (Harlequin abstraction), 2007 , Öl und Graphit auf Leinwand oil and graphite on canvas. 76 x 51 cm - 30 x 20 in..
  • Jordan Kantor, Palette collage, 2008, Öl und Öl auf Papier, auf Leinwand montiert - oil and oil on paper pasted on canvas.  25,5 x 20,5 cm - 10 x 8 in..
  • Jordan Kantor, Untitled (diving girl), 2006, Öl auf Leinwand - oil on canvas. 51 x 76 cm - 20 x 30 in..
  • Jordan Kantor, Untitled, 2004, Öl auf Leinwand - oil on canvas.  66 x 61 cm - 26 x 24 in..
  • Jordan Kantor, Untitled (three monochromes), 2006, Öl auf Leinwand - oil on canvas. 96,5 x 117 cm - 38 x 46 in..
  • Jordan Kantor, Untitled (two monochromes), 2006, Öl auf Leinwand - oil on canvas. 96,5 x 117 cm - 38 x 46 in..
  • Tim Lee, Untitled (Alexander Rodchenko, 1928), 2008, S/W-Photographien in roten Rahmen - B&W photos in red artist's frame. 4-teilig, je 15,25 x 23 cm (Bild), 76,2 x 76,2 cm (gerahmt) - 4 parts, each 6 x 9 in. (picture), 30 x 30 in. (framed). Edition 1/7 + 3 AP
  • Tim Lee, Untitled (Alexander Rodchenko, 1928), 2008, S/W-Photographien in roten Rahmen - B&W photos in red artist's frame. 4-teilig, je 15,25 x 23 cm (Bild), 76,2 x 76,2 cm (gerahmt) - 4 parts, each 6 x 9 in. (picture), 30 x 30 in. (framed). Edition 1/7 + 3 AP
  • Tim Lee, Let’s Get Small, Steve Martin, 1977, 2007, Video Monitor, um 90° gedreht, auf Sockel - Video monitor, rotated 90°, on base. 1-Kanal Video Installation - single channel video installation. Edition 2/7 + 1 AP
  • Roman Ondák, Remote Journey, 2008. 10 Zeichnungen in alten Rahmen - 10 drawings in vintage frames: zwischen 22,5 x 31 und 35,1 x 42 cm - each between 8.9 x 12.2 and 13.8 x 16.5 in..
  • Roman Ondák, Remote Journey, 2008. 10 Zeichnungen in alten Rahmen - 10 drawings in vintage frames: zwischen 22,5 x 31 und 35,1 x 42 cm - each between 8.9 x 12.2 and 13.8 x 16.5 in..

Den Ausgangspunkt der Ausstellung bildet eine Anekdote über den rumänischen Philosophen Cioran. Dieser war im Paris der Nachkriegszeit fast ebenso populär wie Sartre. Doch Cioran hasste die überraschenden Besuche von Journalisten, Verehrerinnen, Politikern und Kollegen. Daher spielte er mit dem Gedanken an sieben Türschilder, die die Zudringlichen vor einem Besuch in seiner Dachkammer abhalten sollten. Eines davon, „I AM NEVER AT HOME“, ist der Titel der Ausstellung. Diese Ausstellung ist nicht als Hommage gedacht, sondern als Anregung, die Person und die Texte von Cioran zu lesen und zu reflektieren. Also mehr ein intellektuelles Spiel mit einem Denker, dessen radikale Lebensverneinung uns heute fremd geworden ist. An der Ausstellung beteiligt sind GEOFFREY FARMER, ANDREW GRASSIE, JORDAN KANTOR, TIM LEE, ROMAN ONDAK und WILHELM SASNAL. Die Kunstwerke sind mit Tischen, Stühlen und Büchern von Cioran zu Displays arrangiert, die zum Verweilen und Lesen einladen.

TIM LEE beschreibt seine Arbeit folgendermaßen: „It is a collected set of 4 photographs, each 6x9 inches and framed seperately in 30x30 inches wood frames, painted in red. In short, the background of the work is that I purchased a working Leica I camera from 1928 (the first 35mm camera, the same model that Alexander Rodchenko used) and set up an elaborate double mirror apparatus, allowing the camera to take a series of photographs of itself from 4 impossible angles – each contributing to a 360 degree view of the camera, thereby reflecting on its own history. Each of the photos are to be shown in a 2x2 grid square. As well, during the course of the exhibition, each photograph is to be rotated 90 degrees counter-clockwise, ultimately taking on the form of a counter-revolutionary clock going backwards in time.“

ROMAN ONDAK bezieht den Titel unmittelbar auf sein eigenes Leben, das von ständigen Reisen geprägt ist und der damit verbundenen Abwesenheit von Familie und Freunden. Doch durch seine Schilderung der Reisen lässt er Familie und Freunde an seiner Abwesenheit teilhaben. Diese stellen Zeichnungen nach den Schilderungen her, so dass Nähe und Abwesenheit, Arbeit und Familie, Realität und Fantasie ein komplexes soziales und kulturelles Gefüge ergeben.

GEOFFREY FARMER vergleicht seine Arbeit mit einer „Erscheinung“ oder einem „Gespenst“. Diese Arbeit kann von den Mitarbeitern der Galerie jeden Tag verändert werden, so dass es weniger einem fertigen Objekt sondern eher einem fließenden Zustand der Existenz gleicht oder einer geheimnisvollen Botschaft für zufällige Betrachter. So kann man die Arbeit mit einer mit der Zeit beständig neu interpretierten und veränderten philosophischen Aussage vergleichen, einer Botschaft, die jeder anders liest.

WILHELM SASNAL hat für die Ausstellung fünf „Videoclips“ zu verschiedenen Arten von Musik gedreht, von Heavy Metal bis zu filigranen elektronischen Klängen. Alle Filme entstanden aus Impressionen, Erinnerungen und Gefühlen und bilden somit einen Bezugspunkt zu den sehr emotionalen Wurzeln der Schriften von Cioran. Kindheitserinnerungen an die Denkmäler der Gefallenen des 2.Weltkrieges an der polnischen Küste, ein zufällig beobachtetes Begräbnis eines vielleicht ganz unspektakulären Todes, unterlegt mit einem Song aus „Bonnie and Clyde“ mit seinem spektakulären Ende.

JORDAN KANTOR geht für seine Bilder von vorgefundenem Material aus, das mehrere Filter durchläuft, bis es als Malerei seine endgültige Form findet. Jede ausgewählte Photographie wird kulturell, sozial, kunsthistorisch und formal ambivalent aufgeladen. Malerei als Diskurs und intellektuelle Untersuchung, die Bilder werden dekontextualisiert und geöffnet für neue Lesarten durch Weglassungen, Zitate, Verschiebungen, zweite und dritte Ebenen, wobei die Geschichte und Bedeutung verschiedenster malerischen Techniken und Stile einbezogen werden.

ANDREW GRASSIE täuscht den Betrachter mehrfach. Seine Bilder sind weder Photographien noch sind es Dokumentationen. Es sind photographisch präzise Temperabilder von Ausstellungen, in welchen er fiktiv die verschiedensten künstlerischen Positionen kombiniert. Seine auf die Spitze getriebene dokumentarische Neutralität wirkt wie eine Art Erlösung von der Vielfalt individueller Expressionen und Positionen. Sein Beitrag zur Ausstellung zeigt sein Studio bei Nacht und gehört so in die Reihe seiner Dokumentationen über Produktion, Dokumentation, Lagerung, Verkauf und Installation von Kunstwerken. Das „Studio at Night“ kann als Anspielung auf die berühmte Schlaflosigkeit von Cioran gelesen werden. Auch die Bescheidenheit des Studios stellt Bezüge her zur armseligen Mansarde, in welcher Cioran zeitlebens wohnte.

Der Beitrag von MIRCEA CANTOR zur Cioran-Gruppenausstellung ist so lakonisch wie poetisch, und dabei die direkteste Übersetzung des Titels der Ausstellung, welcher die Arbeiten aller Künstler zusammenfasst. Vor der Galerie, neben der Eingangstür, lehnt ein kurzer, runder Holzstab an der Wand. In Rumänien, dem Heimatland des Künstlers, bedeutete einem ländlichen Brauch nach ein an die Haustür gelehnter Stock, dass die Bewohner nicht zu Hause sind.

CIORAN: „Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muss man schreiben. Auch der Akt des Schreibens allein ist eine Genesung. Ich gebe Ihnen einen Rat: Wenn Sie jemanden hassen und sich nicht rächen können, schreiben Sie hundertmal seinen Namen und: ich will ihn töten, ich will ihn töten. Nach einer halben Stunde sind Sie befreit. Das ist eine ganz einfache Form der Überwindung. Formulieren ist Heilung, auch wenn man Unsinn schreibt, auch wenn man kein Talent hat. Man sollte in den Irrenanstalten jedem Insassen Papier geben. Der Ausdruck als Medikament. Über den Selbstmord. Man hat mich oft als seinen Apologeten gebrandmarkt. Ich bin es eigentlich nicht. Ich muss mich hier selbst zitieren: Ohne die Idee des Selbstmordes hätte ich mich seit langem getötet. Damit wollte ich sagen: diese Idee ist eine unglaubliche Hilfe. Das Leben wird dadurch erträglich, weil man sich  sagt, ich kann mich töten, wenn ich will. Mit so einer Hoffnung kann man fast alles aushalten.“ (Gespräch mit Gerd Bergfleth, 1984)