Mircea Cantor: Preventative kiss for suspicious war

01. Mai – 13. Juni 2009

  • Born to be burnt, 2009, Metall, Räucherstab - metal, incense stick. Edition von 7 + 1 AP, 130 x 155 x 32 cm - 51.2 x 61 x 12.6 in.. Edition 7 + 1 AP
  • Color silent, 1999, Polizeiauto, modifizierter Mercedes E220 - police car, modified Mercedes E220. Unikat - unique. 480 x 205 x 145 cm - 189 x 80.7 x 57.1 in..
  • Color silent, 1999, Polizeiauto, modifizierter Mercedes E220 - police car, modified Mercedes E220. Unikat - unique. 480 x 205 x 145 cm - 189 x 80.7 x 57.1 in..
  • Dimensions variable, 1999, Länge der Peitsche: 740 cm - lenght of the whip: 291.3 in.. Installation: 510 cm - installation: 200.8 in.. Unikat - unique.  Metall, Holz, Leder, Stoff, Pferdemist - metal, wood, leather, textile, horse dung.
  • Dimensions variable, 1999, Länge der Peitsche: 740 cm - lenght of the whip: 291.3 in.. Installation: 510 cm - installation: 200.8 in.. Unikat - unique.  Metall, Holz, Leder, Stoff, Pferdemist - metal, wood, leather, textile, horse dung.
  • Dimensions variable, 1999, Länge der Peitsche: 740 cm - lenght of the whip: 291.3 in.. Installation: 510 cm - installation: 200.8 in.. Unikat - unique.  Metall, Holz, Leder, Stoff, Pferdemist - metal, wood, leather, textile, horse dung.
  • Talking Mirror, 2007, weisser Cowboy-Hut, Motor-Öl, Holz - white Cowboy hat, motor-oil, wood. Edition von 3 + 1 AP. 16 x 40 x 30 cm - 6.3 x 15.7 x 11.8 inn. Holz-Sockel: 100 x 61,8 cm - wood base: 39.4 x 24.3 inn.. Edition 3 + 1 AP
  • Talking Mirror, 2007, weisser Cowboy-Hut, Motor-Öl, Holz - white Cowboy hat, motor-oil, wood. Edition von 3 + 1 AP. 16 x 40 x 30 cm - 6.3 x 15.7 x 11.8 inn. Holz-Sockel: 100 x 61,8 cm - wood base: 39.4 x 24.3 inn.. Edition 3 + 1 AP
  • The leash of the dog that was longer than his life, 1999, 16 min. 42 sec. Edition von 5 + 2 AP.  HD-Video, Farbe, stereo. Edition 5 + 2 AP
  • The leash of the dog that was longer than his life, 1999, 16 min. 42 sec. Edition von 5 + 2 AP.  HD-Video, Farbe, stereo. Edition 5 + 2 AP
  • Ausstellungsansicht - installation view

Für seine erste Ausstellung in der Johnen Galerie hat sich Mircea Cantor dafür entscheiden, neben neuen Arbeiten auch eine aktualisierte Fassung einer ursprünglich vor drei Jahren geschaffenen Installation zu präsentieren.

Das künstlerische Ringen um eine neue und aussagekräftige Darstellungsform der Politik der Macht bildet eine der Existenzgrunlagen zeitgenössischer Kunst. Cantor hat sich schon seit seiner ersten Ausstellung auf diesen Weg begeben und mit jeder seiner Arbeiten sehr schön die mit dieser Auseinandersetzung verbundene Spannung vermitteln können. Sein Einsatz ist kraftvoll, ohne einen jedoch mit wahlpolitischem Ballast zu erdrücken. Er geht in seinen Arbeiten repsektvoll mit unseren je individuellen Idealen um und lässt den Betrachtern die Freiheit, sich entsprechend selbst zu der von ihm umrissenen politischen Risikozone zu verhalten. Cantors Werk macht sinnvolle Aussagen über die politisch instabile Welt, in der wir leben, indem er sanfte, poetische Bilder auf die modernen und etablierten Symbole der Macht prallen lässt. Ein besonderes Augenmerk für die Veränderungen, die sich durch die Globalisierung mit der Bedeutung von Dingen, Farben und Medien vollzogen haben, ist ein durchgängiges Merkmal seiner Arbeitsweise. Die wachsende weltweite Vernetzung ist überall in Cantors Werk präsent, seine Kommentare zu machtversessenen politischen Praktiken bildet eine auf subtile Weise unmissverständliche Facette seiner Kunstauffassung. Für  diese Berliner Ausstellung hat Cantor fünf Arbeiten ausgewählt:

Talking Mirror, war zuerst in der Ausstellung “Power Play” bei Art Pace Texas, dann in  “Brave New Worlds” im Walker Arts Center und darauf in Mexiko in der Fundación/Colección Jumex zu sehen. Cantor knüpft hier eine Verbindung zwischen dem Konsumverhalten unserer Alltagsexistenz und den gleichzeitig stattfindenden politischen Machtspielen. Er kombiniert hier den Cowboyhut als in der populären Kultur mit Stolz besetztes Objekt mit dem satt braun glänzenden Öl – einem heutzutage sehr starkem Symbol ökonomischer Macht. Eine schwer zu präsentierende Arbeit, die den Betrachter in ihren Bann zieht, wenn er sich ihr nähert, um zu sehen, was der Hut beinhaltet. Die große farbliche und materielle Bandbreite wirkt beruhigend, die zugespitzte politische Erzählung dagegen hat eine provozierende Wirkung.

Color, silent, eine Installation, zeigt ein deutsches Polizeiauto in Originalgröße, bei dem allerdings die Sirene innen statt außen angebracht ist. Diese Arbeit unterläuft das Bild, das man sich von Polizeiarbeit macht und stellt die Assoziationen, die wir üblicherweise mit der Macht der Polizei verbinden, in Frage. In diesem Zeitalter sich stetig verdichtender Überwachung, eines wachsenden Misstrauens, eines Verlusts der Privatheit, der oft zweifelhaften Behandlung der Rechte des Einzelnen, haben wir die Normen, durch welche Einzelne die Kontrolle über Andere erlangen, in Zweifel zu ziehen. Sind diese Einzelnen, die über die Macht verfügen, vom Establishment diktierte Standards durchzusetzen, inzwischen zu Sklaven ihrer eigenen Verantwortlichkeit geworden? Dürsten sie nur nach noch mehr Macht, selbst da sie in ihren gegenwärtigen Rollen schon so gefangen sind?

Born to be burnt, eine visuell beeindruckende, groß dimensionierte Installation, könnte man als ein Selbstporträt des Künstlers auffassen. Um alle Sinne anzusprechen, kommen bei dieser Arbeit meterhohe, in Metallbasen steckende Räucherstäbchen zum Einsatz, deren Anblick und Geruch anziehende Wirkung auf den Betrachter hat. Auf der inspirierenden Grundlage von Spielen mit Größenverhältnissen und Haushalsgegenständen werden hier die Verbindungen zwischen den Lebewesen in aller Welt betont.

Die Arbeit Dimensions variable, bestehend aus einer langen Pferdepeitsche, in deren Leder die Nationalflaggen der G8-Staaten eingearbeitet sind, beteiligt sich an der Debatte um die Machtorgane, von denen die heutige Welt beherrscht wird. Unter dem Eindruck der politischen Verschiebungen der vergangenen Monate hat sich diese Debatte gewandelt – die G8-Staaten werden jetzt versuchen, sich gekonnt wechselseitig zuzureiten und Druck zur Durchsetzung neuer politischer Entscheidungen auszuüben. Bei der Betrachtung der auf neue Weise intimen Beziehung zwischen Nationalsymbolen und häuslichen, dabei aber auch auf Gewalt verweisenden Objekten, wie sie sich uns hier darbietet, können wir Zeitpunkt und Angemessenheit bei der Durchsetzung unseres Willens anderen gegenüber in Frage stellen. Die Metaphern des Reitens und des Wettrennens sind hier gekonnt kombiniert - die Farben und Materialien ergänzen sich untereinander, aber bauen auch eine Beziehung zu der allgemeinen Botschaft der Ausstellung auf.

Bei The leash of the dog that was longer than his life handelt es sich um einen 16 Minuten langen Live-Film, der in einer einzigen Einstellung aufgenommen wurde. Das flüchtige Bild eines auf Sport und Spiel gestimmten Tages auf einer Waldlichtung kommt zu einem raschen Ende, wenn sich die Aufmerksamkeit auf einen kläffenden Hund und seine aus einer Metallkette bestehende Leine richtet. Die Kamera fixiert die Leine, der Betrachter spurt so mit einem Mal die Spannung und die Wut des im Zaum gehaltenen Tiers. Die physische Qualität dieser Arbeit verstrickt einen in eine Auseinandersetzung mit den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, von denen einige mehr, einige weniger berechtigten Geltungsanspruch besitzen. Wir müssen uns davor in Acht  nehmen, zu Opfern unseres eigenen Idealismus zu werden – ohne dabei unseren angeborenen Gerechtigkeitssinn zu opfern. Die Leine geht anscheinend immer weiter, und wir als Betrachter geraten ins Nachdenken über die in unseren eigenen Leben und in denen der Anderen bestehenden Bindungen, während sich vor der Kamera die Hundeleine immer länger streckt.

Der Titel Preventative kiss for a suspicious war deutet auf das Genießen, dass sich mit der Auseinandersetzung mit der Politik der Macht verbinden kann, so wie ganz offenbar auch die Ausübung dieser Macht Genuss bedeuten kann – mit allen Vor- und Nachteilen. Selbst diejenigen, die sich mit dem ihnen Auferlegten abgefunden haben, können diesen Genuss empfinden. Es mag visuell angenehm, sinnlich, humorvoll, ja sogar romantisch erscheinen, doch ist die Wirklichkeit, die halbe Wahrheit, die sich unter der Oberfläche versteckt, sehr schmerzhaft, einschneidend – wirklich. Der Krieg existiert, in unserem Innern oder in der Welt, in der wir leben.     

Abaseh Mirval